Dann lieber Ubuntu! Ein Mac Nutzer auf der Suche nach dem besten Zweitsystem

Bis etwa 1997 war ich stolzer Besitzer des wohl bestaufgerüsteten Amigas im ganzen Landkreis. Leider half mir mir das Wettrüsten irgendwann auch nicht mehr weiter und ich musste mich notgedrungen der x86er Welt und dessen dominierenden Betriebssystem ausliefern. Seltsamerweise habe ich diese Kiste, oder besser gesagt Kisten, schneller lieben gelernt als erwartet. Jetzt weniger wegen Windows, aber wegen dem riesigen Sprung in der (Spiele)Grafik, den schier unbegrenzten Optionen an Hardware und dem gerade aufkommenden Casemodding.

Zwar habe ich als Amiganer schon damals mit dem großen “Bruder” aus Kalifornien geliebäugelt, allerdings waren mir diese immer viel zu teuer. Irgendwann, sicherlich auch angetrieben durch die ersten Bitsundso Folgen, stieg ich dann doch auf einen der sündhaft teueren Macs um. Zuerst auf einen gebrauchten Intel Plastik iMac und etwas später zu einem der ersten Unibody MacBooks von Apple. Seither schwimme ich geborgen und zufrieden in meiner manchmal etwas beengten Apple-Blase umher und könnte mir kein einfacheres und passenderes System vorstellen.

Wie hier schon erwähnt, bin ich dann irgendwann vom MacBook Pro auf einen Retina 27 Zoll iMac umgestiegen. Geile Kiste mit geiler Auflösung, aber nur schwer mobil im Garten oder auf dem Sofa einsetzbar. Zum vollwertigen bloggen bleibt iPadOS 13, trotz seiner merklichen Annäherung an MacOS, meilenweit davon entfernt diesen zu ersetzten. Zwar kann man damit ganz gut Artikel schreiben, aber ablösen kann es die Web Umgebung von WordPress nicht. Demnach musste eine günstige alternative her. Rein preislich fällt ein MacBook schon aus dem Rennen, denn mehr als ein paar Euros wollte ich nicht ausgeben. Hinzu kommt das ich nach Jahren der Abstinenz auch mal wieder ein anderes Betriebssysteme kennenlernen möchte.

Die richtige Hardware

Nach einigen Tests mit echt “uralter”, aber dafür kostenloser Hardware à la ATOM Netbooks, war mir klar das selbst das ressourcenschonendste Betriebssystem für meine Zwecke mindestens einen i-Prozessor mit 4GB Arbeitsspeicher benötigt. Bekommen habe ich dann ein echt günstiges HP EliteBook Revolve 810 mit installiertem Windows 10.

Technische Daten des Revolve 810 G2

  • Prozessor: Intel Core i5-4300U (4×1.9GHz)
  • Grafik: Intel HD Graphics 4400
  • Arbeitsspeicher: 4GB DDR3 (1600 MHz)
  • Festplatte: 256 GB SSD (SED-M.2)
  • Display: 1366 x 768 Pixel

Windows 10 (Stunden) installieren

Zuallererst musste natürlich die aktuellste Version von Windows 10 frisch installiert werden. Da es einfach dazugehört ein Betriebssystem von Grund auf und eigenhändig zu installieren.

Die Vorbereitungen dafür sind mit einer Win10 ISO und der kostenlosen Software “Rufus” schnell erledigt. Von diesem USB-Stick wird dann gebootet und das Betriebssystem letztendlich installiert. Jeder der wie ich irgendwann zwischen 1997 und 2005 Windows installiert hat, wird über die Einfachheit mit der das heutzutage funktioniert, nur lachen können. Die Installation von Windows 10 ist selbsterklärend, ein paar Klicks und 30 Minuten später sieht man auch schon den Start Screen von Windows.

Es könnte alles so schön sein, aber dummerweise wurden einige mir wichtigen Funktionen des Notebooks nicht unterstützt. Das wären zum Beispiel eine vernünftige Touchpad Bedienung (mit Zweifinger Gestik) und funktionsfähige Funktionstasten. Gemeint sind hier die F-Tasten, welche meist mit einer Zweitfunktionen wie Lautstärkeregelung oder Bildschirmhelligkeit belegt sind. Vielleicht finde ich ja in den Einstellungen etwas darüber.

Windows Updates… echt jetzt?

Gefunden habe ich was und zwar Updates, jede Menge Updates, genauer gesagt 30 Stück. So wirklich konnte ich nicht erkennen ob auch alle notwendig waren, aber egal. Kann ja nicht schaden einfach alle zu installieren.

Das Ganze hat dann nach einige Neustart, gefolgt von weiteren Updates und zusätzlichen Neustarts, gute drei Stunden gedauert. Geholfen hat es aber nichts! Zumindest augenscheinlich. Mag sein das dass System sicherer und schneller wurde, aber mein Touchpad und die Funktionstasten gingen immer noch nicht.

Erste Hilfe Herstellerseite

Da ich ohne Funktionstasten nicht auskommen möchte und ein vernünftiges gestengesteuertes Touchpad für mich eigentlich ein muss ist, startete ich einfach der virtuellen Seite von HP einen besuch ab.

Auf der Treiberseite für das HP Revolve 810 G2 gab es dann auch sage und schreibe sechsundzwanzig(!!!) Software- und Treiberupdates für mein Notebook, aber muss ich jetzt auch alle installieren? Da ich das nicht beantworten konnte, wurden einfach wieder alle installiert. Das hat abermals etliche Neustarts und einige wenige Fehlermeldungen nach sich gezogen. Manchmal war seltsamerweise die passende Hardware nicht vorhanden und ein anderes mal waren die Windows Treiber aktueller als die HP eigenen. Sei es darum! Nach weiteren zwei Stunden, also insgesamt schon knapp sieben Stunden, war auch diese Hürde genommen und mein HP Notebook lief endlich, inklusive Multi-Touch und Funktionstasten.

Endlich alles in Butter, oder?

Als nächstes stand ein kleiner Test mit Googles Chrome an. Dieser wurde installiert und mal eben mit dem gleichzeitigen öffnen von 32 Tabs gestresst. Für die nächsten geschätzten 10 Sekunden passierte schonmal gar nichts, dann endlich öffneten sich die Webseiten gaaaaanz langsam. Manche Seiten hat das anscheinend zu lange gedauert, denn diese haben den Ladevorgang einfach abgebrochen.

Na gut, 4GB Arbeitsspeicher ist für 2019 wirklich wenig und könnte ein Indiz für den trägen Aufbau in Chrome sein. Von diesem Test mal abgesehen, lässt es sich aber wirklich flüssig und angenehm arbeiten, soweit man das auf dem Briefmarkenbildschirm und bei einer Auflösung von popeligen 1366×768 behaupten kann. Ja, man ist halt mittlerweile sehr verwöhnt, aber für die vorhandenen Hardware kann ja das Betriebssystem nix. Das OS selber rumpelt und der oben gescheiterte Chrome-Stresstest ist für meine Anwendungszwecke eigentlich auch belanglos.

One More Thing

Mittlerweile war schon 3 Uhr morgens. Eigentlich wollte ich zu dieser Zeit schon längst Bubu auf meiner Matratze machen, aber die vielen Updates haben noch mehr an Zeit gekostet. Ein kleiner (unwichtiger) Test stand da aber noch aus. Nicht das Spiele auf diesem System wirklich wichtig wären, aber man könnte ja… ihr wisst schon was ich meine.

Steam ließ sich erwartungsgemäß ohne Probleme installieren und auch HalfLife 2 war zum Testen schnell geladen, aber was war das? Die Hälfte der Polygone in HL2 blieben ohne Texturen und flackerten. Da muss wohl in den letzten sieben Stunden der “Produktpflege” der Grafikkartentreiber in Mitleidenschaft gezogen worden sein. Wirklich geärgert habe ich mich jetzt nicht, spielen wollte ich ja sowieso nicht, aber ein bisschen verstimmt war ich darüber schon. Da ich aber sowieso ein weiteres Betriebssystem testen wollte, waren die Grafikfehler ein willkommenes Zeichen um Linux radikal als Standalone System zu installieren, aber welches Linux?

Zweiter Versuch Linux

Nach kurzer Recherche fiel meine Wahl auf die Ubuntu Distributionen. Ubuntu ist ein alter Hase in der Branche, etabliert und sehr bekannt. Außerdem soll Ubuntu laut dessen Nutzer einfach das beste Betriebssystem für einen Anfänger sein. Die Frage war nunmehr ob ich die Langzeit unterstütze 18.04 LTS oder lieber die modernere aber dafür kurzlebigere 19.04 Version installieren soll? Ich entschied mich für die Langzeitvariante LTS. Diese bekommt immerhin 3 Jahre Unterstützung in Form von Updates und Erweiterungen und soll im allgemeinen kompatibler mit alter Hardware sein.

Ubuntu 18.04 LTS

Herunterladen kann man sich die ISO auf der hauseigenen Webseite. Einen bootbaren USB-Stick erstellt man wie unter Windows mit Rufus und ansonsten blieb alles wie gehabt. USB-Stick einstecken, von USB booten und loslegen. Die Installation selber war dann in etwa 20 Minuten erledigt und dabei völlig frei von jeglicher Texteingabe. Das war für mich schon eine kleine Sensation. Zu meiner Entschuldigung sei gesagt, dass mein letzter Kontakt mit Linux irgendwann Ende der 90er Jahre mit SUSE war, glaube ich zumindest.

Alles erkannt

Was soll denn das? Beinahe die komplette Hardware des Revolve 810 G2 wurde auf anhieb erkannt. Selbst der Multitouch und die Funktionstasten funktionierten ohne weitere Updates und ohne herstellereigene Treiber. Wie ist sowas möglich? Wie kann ein kostenloses OS meine Hardware in 20 Minuten vollständig zum laufen bringen, wohingegen eine etabliertes Bezahlsystem sieben Stunden und einiges an Eigeninitiative benötigt?

Nun gut, da ich das interne GSM Modem nicht benötige und WakeOnLan abgeschaltet habe, weiß ich nicht ob das auch funktioniert hätte. Aber ansonsten funktioniert beinahe alles so ich es wollte und sieht obendrein noch super aus.

Das System sieht allgemein hübsch und aufgeräumt aus. Es gibt nicht zu viele Einstellungen und generell fühl ich mich hier gleich viel wohler als bei der Konkurrenz. Es ist auch egal wo ich ins System eintauche, es wirkt immer wie aus einem Guss. Das ist beim Redmonder Betriebssystem leider nicht der Fall. Jeder der etwas tiefer in die grafische Oberfläche eintaucht, wird wissen was ich meine. Stichwort Gerätemanager, dort fühlt man sich sofort wieder wie in Windows 98 Zeiten.

Selbst einen eigenen AppStore Namens “Ubuntu Software” gibt es hier. In diesem findet man allerlei Software in verschiedenen Kategorien wie “Audio und Video”, “Kommunikation”, “Erweiterungen” und “Spiele” wieder. Mir ist schon klar das Windows so etwas auch hat, aber wir sprechen hier von einem völlig kostenlosen Betriebssystem und so ein eigener Store war für mich echt überraschend.

Sorgenkind Energiesparmodus

Wie gesagt hat bei mir auf Anhieb eigentlich fast alles funktioniert, bis auf den Energiesparmodus. Zwar gibt es in den Einstellung den Punkt Energie und dort findet man auch den Punkt “Bereitschaft und Ausschalten”, aber man findet nichts über das Vorgehen beim zuklappen des Notebooks.

Wenn ich den Deckel des Revolve schließe, geht der Bildschirm zwar aus, aber der Akku ist nach wenigen Stunden leergesaugt. Manchmal wurde auch ein öffnen des Notebooks mit einem eingefrorenen Bildschirm belohnt. Die einzige Möglichkeit bestand darin, den Ausschalter als “in Bereitschaft gehen” zu benutzen. Nun musste immer zuerst der Ausschalter betätigt und konnte erst dann das Notebook zuklappen.

Das ist ärgerlich, da ansonsten das komplette System wie geschmiert lief. Selbst das öffnen von 32 Tabs innerhalb des Chrome Browser wurde ohne murren und zügig erledigt. Die Art aber wie man in den Ruhezustand gehen muss, ist kein Zustand um Ruhig zu bleiben. Ganz aufgeben wollte ich noch nicht und so machte ich mich auf die Suche nach einer Problemlösung. Diese wurde auch schnell in Form des “GNOME Tweak Tool” gefunden

GNOME Tweak Tool, dass unabdingbare Tool

Seltsamerweise wird das meiner Meinung nach wichtigste Tool bei Ubuntu nicht automatisch installiert. Man findet es aber in “Ubuntu Software” und nennt sich GNOME-Optimierung.

Nach der Installation findet man in dem zusätzlichen Programm, welches man dann in Anwendungen findet, folgende Einstellungen:

  • Arbeitsflächen
  • Arbeitsoberfläche
  • Erscheinungsbild (Farbe und Icons)
  • Erweiterungen
  • Fenster
  • Obere Leiste
  • Schriften
  • Startprogramme
  • Tastatur und Maus
  • Energie

Gerade in letzteres findet man eine Funktion die eigentlich ein Muss für jedes Notebook sein sollte:

“Energiesparmodus, wenn der Laptop-Deckel geschlossen ist.”

Mit einschalten dieser Funktion funktioniert mein HP tadellos und das seit Wochen. Deckel zu = Ruhemodus, Deckel auf = aktiv. Im geschlossenem Zustand hält der nicht mehr ganz so Junge Akku noch gute zehn Tage durch und sobald ich ihn öffne vergeht keine Sekunde bis der Anmeldebildschirm erscheint. Leider kann man diesen aber nicht abschalten oder umgehen, so ist man immer gezwungen sein Passwort einzugeben.

Auch hier ein “One More Thing”

Na gut, wie erwähnt eigentlich unwichtig, aber wenn schon, denn schon. Die Rede ist natürlich von Spiele. Im “Ubuntu Software” Store gibt es zwar einige Spiele und auch einige der wichtigsten Emulatoren (UAE, Summ), aber eben auch Steam. Nach der Anmeldung bei Steam finde ich in der “Bibliothek” auch meine gekaufte Software wieder. Leider funktionieren nicht alle gekauften Titel mit Ubuntu, da hat erwartungsgemäß Microsoft die Nase vorn. Half Life 2 lief aber schon und diesmal sogar ohne Grafikfehler und genauso flüssig.

Alles Gold was glänzt?

Trotz der ganzen Lobhudeleien, hundertprozentig fehlerfrei ist Ubuntu auch nicht. Es sind zwar nur Kleinigkeiten, aber diese sind dennoch da. Zum Beispiel habe ich es bis heute nicht hinbekommen, dass sich das Mauspad beim schreiben automatisch deaktiviert und auch die Scrollgeschwindigkeit meiner Bluetooth Maus lässt sich nicht einstellen.

Als kleiner Tipp! Mit der Software “Touchpad Indicator” aus dem Ubuntu Store, lässt sich bei der Maus Benutzung automatisch das Touchpad deaktivieren.

Ansonsten funktioniert alles bestens. Halt, nicht alles. Einen vernünftigen E-Mail Client habe ich bis heute nicht gefunden. Ausser man bezeichnet Mozillas Thunderbird als vernünftigen Client, ich tue das nicht.

Fazit

Eine kleine Sensation! Vor dem Selbstversuch hätte ich schwören können das Windows das Rennen als mein mobiler Zweitrechner macht, aber Ubuntu 18.04 schlägt sich hier in allen belangen besser als Windows 10. Touchgesten, allgemeine Bedienung und Hardware laufen vom Start weg einfach besser und das OS sieht dabei auch noch schöner und homogener aus. Das Deckelproblem (Energiesparmodus, wenn der Laptop-Deckel geschlossen wird) wurde mit “GNOME Tweak Tool” schnell behoben. Lobend anerkennen muss ich aber, dass Windows 10 echt flüssig mit meiner sieben Jahre alten Hardware lief, dass hätte ich so nicht erwartet. Bis ich mir endlich einen MacBook Pro leisten kann, oder vielleicht auch Air, bleibt Ubuntu mein mobiles Betriebssystem.

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